7. Februar 2009 (Wehmut und so)

So ist das Leben. Habe ich in meinem letzten Bericht noch voller Euphorie über die vor mir liegenden Wochen in Deutschland alles in rosaroten Farben beschrieben, so bin ich doch jetzt ziemlich betrübt. Morgen früh werde ich mich wieder auf den Weg nach Istanbul zu den Cems, Pinars, Ahmets, Ümits, Furkans … machen. Es ist natürlich nicht so, dass ich voller Grauen an die nächsten Wochen denke, aber es war eben doch sehr, sehr schön, wieder für längere Zeit in Deutschland zu sein. Meine Vorfreude auf die zwei Wochen in der Heimat wurde nämlich keinesfalls enttäuscht. Ich habe viele schöne Sachen erlebt. So habe ich viele Freunde wieder getroffen, endlich mal wieder bei der HSG Handball gespielt (und mich wie üblich auch verletzt ;-o), auf der Warnow (ohne Erfolg – egal) geangelt, meine Eltern besucht, das Ostseegymnasium besucht (war ich eigentlich weg) und vor allem schöne Stunden in Sildemow mit Tina verlebt. Ach so, und dann waren da noch einige vorsorgliche Arztbesuche und Werkstatttermine für unsere Knutschkugel namens Nissan Micra. Und so vergingen die Tage wie im Fluge.
Morgen abend werde ich wieder in meiner Wohnung in Istanbul sitzen und mathematische Probleme wälzen. Das wird mir sicher zunächst einmal sehr schwer fallen. Zumal mein nächster Besuch in Deutschland sehr kurz sein wird (3 Tage) und noch ziemlich lange auf sich warten lässt (Ostern). Bis dahin wird es viel Arbeit geben, da bin ich mir mit der Erfahrung des ersten Schulhalbjahres am Istanbul Lisesi sehr sicher. Neben dem alltäglichen „Wahnsinn“ warten nämlich auch viele Abiturarbeiten auf meine Korrektur. Wieder mal was Neues, weil es eben die Mathematik betrifft. Na ja, ich werde das schon packen; was bleibt mir auch anderes übrig. Nach Ostern sind es dann noch mal ebenso viele Wochen bis zu meinem nächsten Besuch in Deutschland. Ende Juni sind in Istanbul Ferien. Aber dann bin ich ca. 8 (in Worten: acht!!!) Wochen in der „kühlen“ Heimat im Norden. Und mit diesem Gedanken im Hinterkopf werde ich also ab morgen wieder motiviert und intensiv arbeiten müssen und können. Außerdem habe ich in Istanbul sehr nette und hilfsbereite Mitstreiter, auf die mich schon wieder sehr freue.
Okay, soweit zunächst einmal. Der nächste Bericht kommt wieder aus Istanbul. Bis dahin, bleibt schön neugierig. Euer Frank

28. Februar 2009 (Achterbahn)

Der Start ins zweite Schulhalbjahr war doch problematischer als gedacht. Habe ich meinem letzten Bericht noch vollmundig von einem motivierten und sofort voll durchstartendem Frank gesprochen, so sah dann die Realität ganz, ganz anders aus. Die Erinnerungen an die zwei wunderschönen Wochen in Deutschland ließen mich anfangs keinen klaren (mathematischen) Gedanken fassen. Ich war so richtig down, fast depressiv würde ich sogar sagen. Diese Gefühlslage kannte ich in abgeschwächter Form auch nach längeren Ferien in Deutschland, aber diesmal war alles viel schlimmer. Mich hat in der ersten Woche sprichwörtlich sogar die (nicht existierende) Fliege an der Wand gestört. Aber am ersten Wochenende nach dem Beginn des zweiten Schulhalbjahres gab es zwei schönere Erlebnisse und damit begann meine Gefühlslage sich doch merklich zu verbessern. Am besagten Freitag habe ich mit einigen Kollegen einen kleinen Skatabend veranstaltet. Ihr wisst ja, wie gerne ich Karten spiele. Und am Abend darauf hatten ein Kollegenehepaar (das aus den karnevalverrückten Regionen Deutschlands stammt – Auweia) zu einer kombinierten Faschings- und Geburtstagsparty eingeladen. Ein paar Bilder dazu sind in meiner Galerie zu sehen. Jedenfalls hatten sich einige recht witzig ausstaffiert und außerdem gab es schöne Musik zum Abzappeln. Der Tag nach dieser Party war dann auch der letzte mit ziemlicher Antriebsarmut. Ich habe mich nun doch wieder aufgerappelt und wieder Mut gefasst. Und mit diesem Gefühl geht natürlich alles viel schneller von der Hand, wobei ich damit insbesondere die Mathematik und ihre weltbewegenden Fragestellungen wie Differentialquotienten, bedingten Wahrscheinlichkeiten, Bernoulli-Ketten (kein Modeschmuck ;-)) … meine. In der Schule ist es nach wie vor ziemlich kalt und feucht von oben, aber dafür kriegen wir immer mehr Hightech, wie interaktive Whiteboards und so. Ist schon manchmal etwas widersinnig. Naja, jedenfalls haben wir nun zusätzlich ein so genanntes neues Ressourcencenter, eingeweiht am vergangenen Mittwoch durch einige MdB auf Bildungsreise, wie zum Beispiel Claudia Roth. Was sind wir berühmt.
Nun sind also schon wieder drei Wochen vergangen und bis Ostern sind es nur noch sechs. Übrigens braucht Ihr mich um das Wetter hier wahrlich nicht zu beneiden. In den vergangenen Wochen war kein Regen die absolute Ausnahme. Und dazu gibt es noch kalte Temperaturen und hässlichen Wind. Also warte ich wettermäßig genauso wie Ihr auf den Frühling. Meinen Balkon habe ich jedenfalls schon tagelang nicht mehr betreten.
Die nächsten Wochen werden für mich nun der bisherige Arbeitshöhepunkt. Das ich obligatorisch in meinen Klassen Klassenarbeiten schreiben und korrigieren muss, ist ja ganz normal. Damit werden am nächsten Freitag ca. 90 Schülerarbeiten auf meinem Schreibtisch liegen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. In der vergangenen Woche habe die 12. Klassen ihre Abiturarbeiten geschrieben. Diese werde derzeit vom Erstkorrektor kontrolliert und dann an die Zweitkorrektoren weitergereicht. Und einer dieser „glücklichen“ Menschen bin ich. Da kriege ich dann nochmal 48 Abi-Arbeiten in Mathematik dazu. Mir ist jedenfalls nicht ganz wohl bei diesem Gedanken. Schließlich ist die Korrektur von Abi-Arbeiten im Fach Mathematik wieder mal was Neues in meiner Lehrerlaufbahn. Hoffentlich packe ich das termin- und qualitätsgerecht. Aber diese Frage ist ja nur rhetorisch gemeint – ich muss es einfach schaffen. Und danach sind es nur noch drei Wochen bis Ostern. Und vorher werde ich mir wohl noch ein besonderes Highlight gönnen. Seit vorgestern ist ja klar, dass der HSV am 18. März in Istanbul gegen Galatasaray im UEFA-Cup (Rückspiel) antreten wird. Viele Kollegen (und ich denke auch ich) wollen diese Spiel zusammen mit den heißblütigen türkischen Fans live erleben. Das wird bestimmt geil. Mein Wusch: Der HSV kommt im Elfmeterschießen weiter.
Okay, soweit für heute. Ich werde versuchen, dass Wochenende zum Vorarbeiten zu nutzen, um dann mehr Zeit für die 138 Arbeiten zu haben. Das Wetter lockt ja hier auch wirklich nicht zum Bade. In der Galarie gibt es ein paar neue Bilder, darunter auch zwei unglaubliche Beispiele türkischer Improvisations- und Ingenieurskunst bezüglich der Ver- und Entsorgung. Ohne Worte. Es geht voran. Euer Frank

10. Februar 2013 (Letztmalig warten)

Es ist schon ein sehr komisches Gefühl. Ich fliege nun zum letzten Mal zur Arbeit nach Istanbul. Gerade sitze ich in Hamburg auf dem Flughafen und weiß nicht so recht, ob ich mich freuen oder weinen soll. Nun sind es noch gut vier Monate bis zu meinem Vertragende und ich merke mehr und mehr, dass mir der Abschied aus Istanbul unendlich schwer fallen wird. Natürlich freue ich mich, wieder nach Deutschland, zu meiner Familie, zu meinen Freunden … zurückzukehren. Das ist doch klar. Aber, ich werde das chaotische und pulsierende Istanbul und meine Schule und vor allem meine türkischen Schüler total vermissen. Wenn ich noch an die ersten Wochen am Bosporus zurückdenke …; ich hätte nie gedacht, dass ich eine solche Wehmut empfinden würde. Und, mal wieder so ein Spruch für’s Phrasenschwein: Wo sind die fünf Jahre geblieben? Manchmal ist mir so, als wäre ich noch im ersten Jahr. Okay, was soll’s. Ich werde die nächsten vier Monate noch einmal intensiv genießen.
Und intensiv werden die nächsten Wochen arbeitstechnisch auf jeden Fall. In der kommenden Woche beginnt an unserer Schule die schriftliche Abiturprüfung. Diesmal stehe ich im schulinternen Korrekturranking sogar auf Platz 2. Das ist aber in diesem Zusammenhang kein wirklicher Grund zur Freude, weil ich insgesamt 44 Abiturarbeiten in Mathematik als Erst- oder Zweitkorrektor begutachten muss. Ich denke, dass im Durchschnitt so 8 bis 10 Blätter (A4; beidseitig beschrieben) pro Schüler zu erwarten sind. 44 mal 9 ist rund 400. Allaaaaah. Ja ja, ich höre schon die Lästermäuler: Du musst für Dein Geld auch mal was tun. Recht habt Ihr. 😉
Morgen wartet aber erstmal der von mir so ungeheuer „geliebte“ Montag (und dann noch nach Ferien) auf mich. Ich bin ja so was von motiviert. Aber ich bin diesmal gut vorbereitet. Nein, nicht was Ihr denkt. Ich habe lange Unterwäsche dabei, denn die Schule wird sicher Kühlschranktemperaturen haben, denn in den Ferien wird nicht geheizt.
Apropos Ferien: die zwei Wochen in Deutschland sind leider mal wieder zu schnell vergangen. Ich habe so viele schöne Dinge gemacht und erlebt: Enkeltochter besucht, Westrügen erkundet, Handball gespielt, Doppelkopf gedroschen, die Eltern besucht …; aber leider nicht geangelt. Die Seen waren leider eisbedeckt und die Ostsee zu stürmisch. Dafür durfte ich alternativ mehrmals Schnee schieben. Ist ja auch ganz schön. Und in Sildemow war es wirklich winterlich – Schnee und Sonne sind schon was Tolles. Wenn ich das nächste Mal komme, wird alles grün sein. Mein nächster Flug nach Deutschland findet am 22. Juni statt; und es ist meine letzter Heimflug. Keine Angst, ich werde jetzt nicht melancholisch. 😉
Ich steige gleich, motiviert bis in die Haarspitzen, in mein Flugzeug und werde den Komfort von turkish airlines genießen. Auf geht’s zur letzten Runde. Und nicht weinen; bis zum Sommer gibt es noch einige Berichte. Passt auf Euch auf. Euer Frank

22. Februar 2013 (Haken, Haken, kein Haken …)

Nein, ich stehe nicht mit vielen anderen Einheimischen auf der Galatabrücke und mache Jagd auf die ganz großen Fische, wobei ich dort eher nur die ganz kleinen, aber leckeren Hamsis (sprottenähnlich) an den Haken zappeln sehe.
Vielmehr sitze ich seit Mittwoch Abend kleine wichtige rote Häkchen an die Abiturarbeiten meiner Schüler und diese Tätigkeit wird mich in den nächsten Tagen und Wochen noch ziemlich beschäftigen. Es ist also mal wieder und (leider) zum letzten Mal soweit. Ich korrigiere die Arbeiten von Mehmet, Ahmet, Umut, Sena, Iremsu, Ecem … Nächstes Jahr heißen sie dann wohl eher Max, Paul, Dennis, Laura, Julia, Lisa … Und wieder: Ich freue mich auf Deutschland und ich werde Istanbul sicher sehr vermissen. Am zweiten ändert auch die Tatsache nichts, dass ich insgesamt 42 Abiturarbeiten vor mir habe. Ich werde es schaffen und dabei wieder einiges dazu lernen. Heute bin ich jedenfalls gut voran gekommen und habe die Lösungswege meiner Schüler immer schneller begriffen. Das macht echt Mut. Und so kann ich mir sogar den Luxus leisten, jetzt ein paar Zeilen für Euch zu schreiben; sozusagen als Belohnung. Und vielleicht finde ich nachher im Internet noch einen Stream vom Freitagsspiel der Bundesliga. Mal sehen.
Die ersten zwei Wochen des zweiten Halbjahres sind also nun auch schon wieder Geschichte. Und natürlich stand die organisatorische Vorbereitung und Durchführung unseres schriftlichen Abiturs im Mittelpunkt. Das ist nun geschafft und fast alle Kollegen haben, wie ich, einen Riesenberg Papier auf dem Tisch. Und es gibt kaum einen, der an diesem Wochenende nicht ein Dauerrendezvous mit seinem Schreibtisch hat. Nebenbei gab es gestern noch eine Hiobsbotschaft für mich. Anfang Januar wurde von irgendwelchen brasilianischen Schwachköpfen die Website unserer Schule „gehackt“, für deren Aktualisierung und Pflege ich ja mehr oder weniger verantwortlich bin. Nachdem mir nun in den Ferien ein ehemaliger Schüler (Danke Jonas) mit einer Notlösung bei der Wiederherstellung geholfen hat, ist sie nun „endgültig“ vom Hoster gesperrt worden, weil er die Infizierung mit Schadsoftware registriert hat. In einer Mail hat man mir die Schritte zur Lösung des Problems mitgeteilt, aber das sind für mich nur böhmische Wälder. Ich baue also noch einmal auf Jonas. Das Ganze ist aktuell natürlich nicht sehr erquicklich.
Aber ich denke zur Zeit eher mehr ans Abi … und danach wartet sicher ein zauberhafter Frühling mit zunehmendem Sozialstress (Ausflüge, Parties …) auf mich und meine Kollegen. Einen Vorgeschmack darauf erlebe ich schon am nächsten Wochenende und lässt mich dieses Wochenende noch motivierter arbeiten. In einer Woche um diese Zeit werde ich in Antalya landen und hoffentlich, wie in den zwei Jahren zuvor, ein Wochenende mit frühlingshaften Temperaturen und viel Sonne genießen. Ich nehme wieder als 10 km -Läufer am Runtalya teil und möchte eigentlich diesmal weniger als eine Stunde für diese Strecke brauchen (letztes Jahr 01:01 h). Aber leider habe ich mich natürlich mal wieder nicht darauf vorbereitet. Es ist jedes Mal dasselbe. Naja, wie das eben so ist, mit den guten Vorsätzen. Trotzdem freue ich mich natürlich sehr auf diese kleine Reise.
In meiner Wohnung stehen inzwischen die Zeichen auch schon ein bisschen auf Abschied. Ich habe mich letzte Woche mal wieder „kurz“ mit meinem sehr redseligen Vermieter getroffen, über meinen Auszug gesprochen und konnte ihm dabei mitteilen, dass ich schon einen deutschen Nachmieter gefunden habe. Zwei Tage vorher war eine Kollegin bei mir, die im nächsten Schuljahr am Istanbul Lisesi anfängt und sie möchte meine Wohnung (mit Möbeln!) mieten. Das ist prima, weil ich dann noch ein bisschen Geld für mein Mobiliar bekomme.
So, soweit erstmal. Ich werde jetzt noch ein wenig Fußball gucken und dann schlafen gehen. Morgen will ich ordentlich was wegkorrigieren – Haken, Haken, kein Haken …
Passt auf Euch auf. Euer Frank