16. November 2008 (Dominosteine sind lecker.)

Zwei Wochen sind nun seit der Rückkehr von Tina nach Deutschland vergangen und die Zeit ist seitdem fast im Fluge vergangen. Zur Zeit habe ich alle Initiativen und Aktivitäten zur weiteren Verschönerung meiner Wohnung eingestellt. Fernsehen und und Grünpflanzen yok – ist aber auch nicht so wichtig. Dafür war ich am letzten Freitag mit meinem Vermieter auf der Jagd nach ausbleibenden Rechnungen. Dazu muss ich sagen, dass man hier für Strom, Gas, Wasser, Telefon und Internet normalerweise jeden Monat eine Rechnung erhält, die dann man durch den Besuch entsprechender Zweigstellen der einzelnen Unternehmen bezahlen muss. Nun habe ich aber bisher keine Rechnungen bekommen, obwohl ich schon 2 Monate hier wohne. Das Ergebnis unserer Besuche waren dann z. B. Rechnungen plus Mahngebühren, obwohl die Rechnungen gar nicht bei mir angekommen waren, weil diese an falsche Adressen verschickt wurden. Ist ja eigentlich nicht meine Schuld, interessiert hier aber nicht. Das ist irgendwie unglaublich und widersinnig. Aber als Ausländer hast du da keine Chance, schließlich haben die ja genug Geld. Meine Stromrechnungen lauten permanent 0 YTL. Vielleicht ist ja der Stromzähler kaputt – das ist jedenfalls meine These. Ich bin ja gespannt, was dabei herauskommt – Überraschungen sind da sicher nicht ausgeschlossen. Einiges läuft hier schon ziemlich seltsam, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der vergangene Montag, an dem Atatürks Todestag gedacht wurde. An Unterricht war an diesem Tag vor lauter Gedenkveranstaltungen und Huldigungen nicht zu denken. Solch einen Personenkult habe ich bisher noch nicht erlebt. Die ganze Schule voller Bilder, auf dem Schulgelände viele Gedenktafeln, das Abspielen alter Ton- und Filmaufnahmen und Feuerschalen mit davor salutierenden Schülern … Außerdem steht die gesamte Türkei an diesem Tag um 09:05 Uhr, der Todesminute von Mustafa Kemal Atatürk, für eine Gedenkminute still. Dazu heulten die Sirenen und hupten alle Schiffe auf dem Bosporus. Das war schon fast gespenstisch. Mit der Schule und meinem Unterricht komme ich zunehmend besser klar. Zumindest hat sich die Verzweiflung der ersten Wochen gelegt und ich habe gute Hoffnungen, meine Aufgaben hier, ansprechend zu bewältigen. Natürlich ist der Vorbereitungsaufwand (Stichwort Mathematik) nach wie vor erheblich. Ich habe mich aber nun besser an die Gegebenheiten der Schule gewöhnt und mit diesen arrangiert. Das heißt vor allem, mehr Gelassenheit bei für mich unverständlichen Ablaufen zu entwickeln. Bestimmte Dinge kann man eben nicht ändern. Ach so, ich habe allen Schülern zu ersten Mal eine mündlich Note gegeben und habe dies wohlweißlich erst fünf Minuten vor Unterrichtsende und in der Nähe der Ausgangstür bekannt gegeben. Aber Spaß beiseite, die Diskussionen (Der gemeine türkische Schüler diskutiert im Allgemeinen sehr gerne und laut.) hielten sich trotz meiner Unsicherheiten bei der Notengebung doch ziemlich in Grenzen. Das fand ich dann schon sehr beruhigend und erfreulich.

Gestern habe ich zum ersten Male Istanbul verlassen und eine etwas andere Türkei erlebt und gesehen (siehe Bilder). Einige wanderbegeisterte und türkeierfahrene Kollegen hatten zu einer Wanderung auf einer Halbinsel am Maramarameer (nördlich von Bursa) eingeladen. Das war wirklich schön. Ich habe mal wieder Wald gesehen und keinen permanenten Großstadtlärm ertragen müssen. Die Stille war schon fast körperlich zu spüren – herrlich. Die Wanderung selbst war mit einer Länge von ca. 28 km aber nicht ohne. Zumal wir vorher und hinterher noch einige öffentlich Verkehrsmittel benutzen mussten. In einem der Busse waren nicht genug Sitzplätze. Für mich blieb da nur ein in der Ecke stehender Haselnusssack als Sitzgelegenheit. Das war schon irgendwie witzig. Die Einheimischen nutzen die Busse schließlich gerne mal, um Obst, Gemüse … zum nächsten Markt zu transportieren. Summa summarum begann der Ausflug für mich morgens um 07:00 Uhr und dauerte bis ca 21:00 Uhr. Zu Hause war ich dann ziemlich müde, konnte aber doch nicht so richtig schlafen. Dementsprechend habe ich natürlich heute etwas länger geschlafen und muss mich nun wieder an meine Schularbeiten machen. Es sind ja nur noch fünf Wochen bis Deutschland = Weihnachten. Das ist doch ein Klacks, zumal wir zwischendurch noch eine Woche (Kurban Bayram) frei haben. Außerdem wird man hier gar nicht an das nahende Weihnachtsfest erinnert. Advent, Schokladenweihnachtsmänner, Dominosteine, Lebkuchen und Co. sind hier bekanntlich Fremdwörter und in den Ladenauslagen nicht zu finden. Letzten Montag hat eine Kollegin, die am Wochenende zuvor in Deutschland war, Dominosteine im Lehrerzimmer auf den Tisch gestellt. Mhhhhmmm, waren die lecker. Wie hieß es schon zu DDR-Zeiten? So kann man auch mit kleinen Dingen im Sozialismus Freude bringen. Okay, nun genug philosophiert.

Lasst es Euch gut gehen. Euer Frank

1. November 2008 (Alltag ist nur durch Wunder erträglich.)

Um die Antwort auf die Eingangsfrage meines letzten Berichtes gleich zu geben, der Fernsehmechaniker ist nicht gekommen. Er war nur für Fernseher an sich zuständig nicht aber für Empfangsprobleme. Was lernen wie daraus? Hier gibt es eben für jedes Problem eine Spezialisten. Na gut, das ist mir auch zur Zeit sch…egal. Dazu waren die letzten zwei Wochen viel zu aufregend, schön und eigentlich unbeschreiblich. Ich will es trotzdem versuchen. Wie schon im letzten Bericht erwähnt, bestand die vorletzte Oktoberwoche für mich fast nur aus arbeiten, das heißt: Stunden vorbereiten und zwar im Voraus. Ihr werdet jetzt sicher fragen, was daran schön und unbeschreiblich ist? Im Normalfall sicher nichts, aber ich wusste, das meine liebe Tina zu Besuch kommt und wollte natürlich für diese Zeit vorarbeiten. Und mit der Vorfreude auf etwas sehr Schönes sind selbst stundenlange Grübeleien über Kreisgleichungen, senkrechte Asymptoten, Näherungsfunktionen und andere weltbewegende Probleme keine wirkliche Belastung. Es ging einfach alles viel leichter von der Hand. „Der Mensch muss sich eben wohl fühlen, wenn ihm was einfallen soll.“ (Aristoteles) Und er hat verdammt recht. Letzten Freitag war es dann endlich soweit. Ich habe Tina vom Flughafen Atatürk abgeholt und nach langen neun Wochen (gefühlt mindestens 18) wieder gesehen. Den (blöden) Spruch: „Männer weinen nie.“ könnt Ihr echt knicken. Schon die erste Taxifahrt durch den freitaglichen Berufsverkehr in den nur zur Groborientierung eingezeichneten Fahrspuren war ein Erlebnis für die deutsche Kraftfahrerseele. Aber es sollte noch eine Steigerung geben. Nachdem sich Tina dann am Abend einen Überblick über mein Domizil verschafft hatte, war nämlich am nächsten Tag ein Besuch beim gelb-blauen skandinavischen Möbelhändler angesagt. Auf dem Rückweg von dort haben wir auf Grund der diversen Einkaufstüten „unvorsichtigerweise“ ein Taxi genommen. Der Taxifahrer wollte uns wohl mit seiner forschen Fahrweise beeindrucken und hat sein ganzes Repertoire gezeigt. Zu den nicht beachteten Geschwindigkeitsbegrenzungen und scheinbar nicht existenten Fahrspuren kamen noch Aktionen, die in Deutschland wohl aus einem Kraftfahrer einen Fußgänger gemacht hätten. An einem Stauende auf der Stadtautobahn kann man sich auch an ein mit Blaulicht auf dem Standstreifen fahrendes Polizeiauto hängen – das bringt Meter und Zeit. Und wenn dann trotzdem nichts mehr geht, kann man auch rückwärts auf einer Autobahnauffahrt von dieser abfahren und einen Umweg suchen, auf dem sich der (gemeine) türkische Taxifahrer auch nicht von Einbahnstraßen abschrecken laesst. Die Hupe ist hier so etwas wie eine Allzweckwaffe und wird von vielen als Dauerinstrument genutzt. Jedenfalls waren wir um einige Erfahrungen reicher schnell wieder (lebend) zu Hause. Da hatte Franki noch genug Zeit die Möbel gleich aufzubauen. Abends sind wir dann nach Ortaköy auf einen Kunstmarkt mit Moschee und vielen Kneipen gefahren. Ein besonderes Erlebnis war der Besuch einen türkischen Kneipe mit lauter Wasserpfeife rauchenden Menschen. Der Sonntag brachte die nächste Überraschung. Regen ohne Ende und zwar so viel, dass ganz Straßenzüge unter Wasser standen. Selbst die Istanbuler haben so eine Menge Regen in kurzer Zeit lange nicht erlebt. Damit hatte es sich dann aber auch mit dem schlechten Wetter. Seit Montag Abend wurde es zunehmend klarer und die Temperaturen stiegen wieder bis auf derzeit ca. 20 Grad Celsius. Und so sitze ich jetzt auf dem Balkon und schreibe diesen Bericht. Aber zurück zur letzten Woche. Montag haben wir den großen Basar besucht und Franki hat sich als harter preisbewusster Käufer gezeigt und Tina damit mächtig beeindruckt. Und für wen? Ich sage nur Ed Hardy und Doerte und möchte dafür eine persönliche Dankesmail. Dienstag haben wir dann der Istiklal Cadessi und dem Galataturm einen Besuch abgestattet (siehe auch Fotos). Mittwoch hatten wir den ganzen Tag zur Verfuegung, da der 29. Oktober (Tag der Türkischen Republik) ein Feiertag ist. Ich musste also nicht zur Schule. Diesen Tag haben wir zum Besuch weiterer Sehenswürdigkeiten der Stadt genutzt (Blaue Moschee; Hagia Sofia; Zisterne). Ein besonderes Erlebnis war dann am Abend angesagt. Um 19:30 Uhr gab es ein Riesenfeuerwerk von der ersten Bosporusbrücke und von Schiffen auf dem Bosporus selber. Es war unglaublich und rief sogar Gänsehaut hervor. Der ganze Bosporus stand buchstäblich in Flammen und lag danach vollkommen im Nebel. Das hinterher alle Wege und Straßen mit hupenden Autos verstopft waren hat uns nicht stören können. Schließlich brauchten wir nach Hause zu Fuß nur ca. 15 Minuten. Donnerstag waren wir dann nach meinem langen Schultag noch in Kadiköy/Moda (Szeneviertel auf asiatischer Seite) und haben kleine Einkäufe gemacht. Und dann war auch schon Freitag und unser letzter gemeinsamer Tag. Tina hat mich Mittags von der Schule abgeholt, auch um den obligatorischen Tören mal live zu erleben. Das ist so eine Art Fahnenappell, der die Schulwoche beendet. Nähere Eindrücke könnt Ihr ja bei Tina erfragen. Anschließend waren wir noch im Archäologischen Museum. Das ist sicher sehr sehenswert hat uns aber mit der Vielfalt der Exponate etwas erschlagen. Nun ist Sonnabend. Ich bin seit 04.00 Uhr auf den Beinen, weil ich Tina zum Flughafen gebracht habe. Sie ist wieder zurück nach Deutschland geflogen. Ich bin schon ziemlich traurig, aber auch glücklich, dass sie bei mir war. In sieben (langen) Wochen sehe ich Tina wieder und bin sicher, dass wir mit den Eindrücken und Erlebnissen der vergangenen Woche auch diese Zeit der Trennung überstehen. Ich werde (muss) mich jetzt wieder an den Alltagskram machen. Da liegen noch zwei Klassensätze von Klausuren zur Korrektur. Also auf geht’s. Bald ist Weihnachten und ich werde Deutschland … besuchen. Hurra.

Lasst es Euch gut gehen. Euer Frank