30. Juni 2013 (This is the end) ;-(
Eine Woche bin ich nun wieder in Deutschland und kann es noch nicht glauben, dass ich tatsächlich nicht wieder zurück an das Istanbul Lisesi gehen werde. Eigentlich ist alles wie immer: Ich komme Ende Juni in das herbstliche Deutschland, friere, mache lange Ferien und fliege im September wieder nach Istanbul. Soweit mein Gefühl. Nur sieht die Realität diesmal anders aus. Alle meine Sachen sind wieder hier und verstaut und „meine“ Wohnung in Istanbul ist leer. Natürlich freue ich mich sehr, wieder in Deutschland bei meiner Familie, meinen Freunden und in meinem Haus zu sein. Aber, 5 Jahre Istanbul haben auch ihre Spuren hinterlassen.
Was bedeuten 5 Jahre Istanbul? Ich möchte einfach mal mit ein paar Zahlenspielereien beginnen. In Harem gab es eine Treppe mit 157 Stufen, die ich mindestens jeden Schultag zweimal bewältigt habe. 5 Jahre mal 200 Tage mal 314 Stufen sind gleich 314.000 Stufen. Wow. 😉 Mindestens jeden Schultag bin ich zwei Mal je 20 min mit der Fähre über den Bosporus gefahren. 5 Jahre mal 200 Tage mal 40 min sind gleich 40.000 Minuten. Das heißt, ich habe fast 28 Tage auf dem Bosporus verbracht und dabei ca. 1000 Tee getrunken. Eingeweihte wissen, dass es auf der Innenseite meiner Badtür eine als Sichtschutz fungierende Autogrammwand gab. Ich habe 26 Übernachtungsbesuche mit durchschnittlich 2,1 Personen (manchmal war es nur Tina aber manchmal auch eine Walrosskolonie ;-)) gezählt. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von 4 Tagen habe ich also 104 Tage Besuch gehabt. Liebe ehemalige Besucher: Vielen Dank für Eure Mitbringsel aus Deutschland: Wenn jeder von Euch je 3 kg Naturalien (Wurst; Käse; Getränke; Schokolade …) mitgebracht hat, dann wurden von Euch insgesamt 163,8 kg Leckerlis für mein Wohlbefinden in die Türkei transferiert. Danke. Und ich selber habe ja bei durchschnittlich 5 Heimatreisen pro Jahr jedes Mal ungefähr 15 kg transportiert: 5 mal 5 mal 15 kg sind gleich 375 kg. Rechne, rechne: Wow, insgesamt haben wir ungefähr 0,5 t Naturalien in die Türkei gebracht. Darunter wohl ca. 300 Tafeln Schokolade für meine Schüler und für mich.
Soweit die nüchternen Zahlen. Und sonst? Diese 5 Jahre in Istanbul waren einfach unglaublich. Ich habe soooooo viel dazu gelernt und erlebt. Als Mathematik-Eleve bin ich nach Istanbul gegangen und habe anfangs mit Verzweiflung darum gekämpft, den Unterricht mit meinen überschlauen türkischen Schülern zu überleben. Und ich habe überlebt und kehre als Sieger zurück. Jetzt weiß ich wieder, was so in der Abiturstufe abgeht und möchte Mathematik in der Abiturstufe unterrichten. Danke, liebe türkische Schüler, danke liebe Kollegen, Ihr habt mich gefordert und mir geholfen. Danke. Fast 5 Jahre war ich am Istanbul Lisesi für die Computer zuständig und habe auch auf diesem Gebiet sehr viel dazu gelernt. 5 Jahre habe ich in Istanbul gelebt. Früher wollte ich nie in die Türkei, jetzt habe ich eine Stadt und ein Land kennen und lieben gelernt. Am Anfang war es für mich unvorstellbar, dass mir der Abschied so schwer fallen würde. Was ist da bloß passiert? Im Nachhinein kann ich nur dankbar sein, dass ich diese 5 Jahre in Istanbul erleben durfte, obwohl ich ja nicht freiwillig aus Deutschland gegangen bin, wie viele von Euch wissen. Ich werde die Zeit in diesem faszinierenden Land und dem unglaublichen Istanbul nie vergessen und immer in meinem Herzen tragen. Diese Erfahrung kann mir keiner nehmen und gibt mir sicher auch Kraft für die Aufgaben in Deutschland. Danke Euch allen für alles. Meine Gefühle fahren Karussell. Ich höre jetzt einfach auf. Euer Frank

Istanbulu, türk ögrencilerimi, arkadaslarimi cok özleyecegim. Ekimde istanbula gelecegim. Cok seviniyorum. Selamlar Frank

Tja, seit heute bin ich postalisch Asiat. Nach langem Suchen (20 Besichtigungen; gefühlt 50, weil hier immer noch ca. 30 °C herrschen) habe ich heute einen Mietvertrag für eine Wohnung auf der asiatischen Seite unterschrieben. Und die Wohnung befindet sich in einem Stadtteil von Istanbul namens Harem. Sicher beneiden mich jetzt insbesondere die Herren, aber Harem wird hier auf der letzten Silbe betont und hat somit nichts mit der gerade eben hergestellten Assoziation zu tun. Trotzdem solltet Ihr mich (auch die Damen) ein bisschen beneiden, da ich von meiner Wohnung mit Terasse am Bosporus (1. Reihe) direkt auf die Altstadt von Istanbul schaue.
Aber, die Wohnung ist noch leer und so war ich auch heute mit einer Kollegin auf Einkaufstour in einem Stadtteil mit nur mal schlapp 2 Millionen Einwohnern. Ohne Hilfe hätte ich dort kaum hin und geschweige zurückgefunden. Mustafa (Möbelverkäufer) hat mit mir ca. 2 Stunden über meine Möbel beraten und nach Verhandlung (ich muss da wohl noch härter werden) einen annehmbaren Preis gemacht, glaube ich. Denn das weiss man hier nie. Egal, dass Problem ist jedenfalls erst einmal zumindestens teilweise gelöst. Nun fehlen noch so „einige“ Kleinigkeiten wie Kaffemaschine, Bügelbrett, Bügeleisen, Geschirr … Morgen werde ich da mal losziehen. Richtig, morgen ist auch hier Sonntag, aber die Geschäfte sind immer geöffnet. Nebenbei bemerkt, fahre ich hier nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Verkehr ist zwar insgesamt total chaotisch, aber irgendwie kommt man trotzdem voran. Bisher habe ich dazu den normalen Bus, den Minibus, den Dolmus(u) (Sammeltaxi), die Metro, die Fähren und die Strassenbahn benutzt. Davon werden in Zukunft die Bosporusfähren mein Hauptverkehrsmittel sein.
Und damit bin ich an der „zweiten“ Front. Natürlich werde ich auch in Zukunft sehr häufig in Europa zu Besuch sein, denn das Istanbul Erkek Lisesi liegt ja in Europa. Ergo werde ich jeden Morgen über den Bosporus schippern. In der vergangenen Woche habe ich viele Dinge zur Arbeit neu erfahren und fühlte mich schon allein von den formal-technischen Unterschieden fast erschlagen. Die Krönung folgte nun gestern. Der worst-case ist eingetroffen. Ich soll hier ausschliesslich Mathematik unterrichten und zwar in den Klassen 10 bis 12. Nichts gegen Mathematik, aber in diesem Fach und den oberen Klassenstufen habe ich bisher kaum oder sogar gar nicht unterrichtwet. Mir ist jedenfalls ziemlich schlecht. Wie soll ich das bloss schaffen? Bis jetzt ist mir noch keine Antwort auf diese entscheidende Frage eingefallen. Aber: Wozu Pessimist sein, man kann auch als Optimist verzweifeln. In diesem Sinne soweit für heute.
Euer Frank
Ich weiss gar nicht, womit ich anfangen soll. Nun bin ich seit knapp zwei Tagen in Istanbul. Es ist einfach unglaublich aufregend hier. Gott sei Dank habe ich eine sehr, sehr hifsbereite Betreuungslehrerin. Ohne Lusie hätte ich wahrscheinlich schon mehrmals laut um Hilfe gerufen, wobei dies hier kaum einer versteht.
Ich werde mal versuchen, die letzten Tage und Stunden zu beschreiben. Am 22. August bin ich also am Nachmittag in Istanbul auf dem Flughafen Atatürk angekommen und wurde dort von Luise abgeholt. „Erster“ Härtetest war dann die Fahrt zu Ihrer Wohnung auf der asiatischen Seite mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Bei über 30 °C mit zwei großen Gepäckstücken und meinem geliebten (wenn auch nicht ganz leichtem) Notebook haben mir dabei drei der vier benutzten Verkehrsmittel besonders gefallen. Zuerst die Fahrt mit einem klimatisierten Bus vom Flughafen zum Taksim-Platz.
Danach die Fahrt von dort herunter an den Bosporus mit einer ebenfalls klimatisierten Zahnradbahn. Und dann ging es mit der Fähre über den Bosporus auf den asiatischen Teil von Istanbul. Dort habe ich also nun zum ersten Mal im Leben Asien betreten. Wow. Von dort ging es dann noch einmal mit dem (nicht klimatisierten) Bus zur Wohnung von Luise, die sich an der ersten Bosporusbruecke befindet. Danach war ich erstmal fertig. Das Gewusel der Menschenmassen auf der Fahrt durch Istanbul war unglaublich. Und hier werde ich nun drei Jahre verbringen. Das wird sicher gewoehnungsbeduerftig, aber ich habe es ja schließlich so gewollt.
Nach einer Verschnaufpause waren wir dann am Abend im Restaurant „inciralti“ (unter dem Feigenbaum) essen. Es war total lecker. Nachdem wir dann noch auf der riesigen Terasse von Luises Wohnung mit Blick auf den Bosporus ein wenig geplaudert haben, war ich froh, schlafen zu können. Nach anfänglichen Schwierigkeiten klappte das Schlafen bis zum Sonnenaufgang ganz gut. Dann jedoch kam der Hammer. Plötzlich waren ganz laut die Gebetsschreie der Muezzine der Moscheen der Nachbarschaft zu hören. Klasse, ich stand senkrecht im Bett. Luise sagte mir aber, dass man sich daran gewöhnt. Ich will es hoffen.
Der gestrige Tag stand dann ganz im Zeichen der Wohnungssuche. Ich habe einige Wohnungen gesehen, bin aber noch zu keiner Entscheidung gekommen. Gut Ding will eben wohl Weile haben und dies ist ja nicht so unbedingt meine Stärke. Abends haben wir dann mit zwei neuen Kollegen auf der Terasse gegrillt und unsere ersten Eindruecke verarbeitet. Heute war nun relativ ruhig. Zunächst war ich erstmals in einem tuerkischen Supermarkt einkaufen – natürlich mit Zettel auf dem die Woerter für Butter … vorbereitet waren. Dann wollte ich mir eine SIM-Karte für das tuerkische Mobilfunknetz kaufen. Der Fall war hoffnungslos, da der Verkäufer noch nicht mal ansatzweise der deutschen oder englischen Sprache mächtig war und ich ausser Hallo (merhaba), Guten Tag (iyi günler) und Danke (tesekkürler) keine türkischen Worte kenne.
Okay, morgen werde ich zusammen mit Luise oder einem anderen Kollegen die Sache erneut in Angriff nehmen. Außerdem habe ich dann noch alleine einen Makler aufgesucht und mir dann eine Wohnung angeschaut. Fast perfekt, aber leider nicht möbliert. Ich überlege nun, ob ich mir in einem Secondhand-Markt vielleicht doch Möbel kaufe. Und soeben habe ich mit meiner liebsten Tina zu ersten Mal via skype mit Video telefoniert. Oh, das war so schön. Morgen geht es zu ersten Mal in die Schule zur Erledigung einiger Formalitäten und danach sind wieder Maklertermine angesagt. Drückt mir die Daumen, dass ich fündig werde. Schließlich achte ich immer auf ein entsprechendes Gästezimmer. Bleibt gesund und grüsst das kühle Deutschland von mir.
Euer Frank
Noch 48 (türkisch: kirk sekiz; das i ohne i-Strich) Stunden bis Istanbul. Ihr könnt mir glauben, dass mir langsam mulmig wird. Als Ablenkung bin ich gerade dabei, mir das eine oder andere türkische Wort einzuprägen oder aufzuschreiben. Vielleicht hilft es bei der Orientierung in der Riesenstadt Istanbul. Mein Gott, mehr als 10 Millionen Einwohner und ich bald mitten drin. Noch geniesse ich die Beschaulichkeit und Ruhe
meines kleinen, geliebten Sildemows mit singenden Vögeln und zirpenden Grillen. Was wird mich nur in Istanbul erwarten? Aber, Bange machen gilt nicht. Schließlich werde ich jede Menge Glücksbringer von meiner Familie, meinen Freunden, meinen Kollegen und meinen Schülern dabei haben. Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Ich werde es schon packen. Hoffentlich bekomme ich schnell eine Wohnung mit Telefon und Internet. Dann kann ich mit meinen Lieben sprechen und neue Berichte verfassen. Bis dahin drückt mir einfach die Daumen. Danke.
Euer Frank
P. S. Eine Karte mit guten Wünschen (Danke an B. G. aus L.) für mich trug folgenden Spruch:
„Lieber auf neuen Wegen stolpern, als auf alten Wegen stehen bleiben.“ (Dann will ich mal losstolpern ;-))