9. Oktober (Verkehrte (und gefährliche) Welt)

Was ist los mit dem Weltklima? Ich bin äußerst unzufrieden mit der Gesamtsituation. Habe ich noch zwei Wochen die sehr angenehmen (im Anzug schon zu warmen) Temperaturen und den Sonnenschein geschildert, so muss ich jetzt mit Blick auf das Wetter in Istanbul und die Wetterverhältnisse in anderen Teilen Europas sagen: Ich möchte nach Deutschland. Es regnet seit Tagen, und zwar viel und ganz fies aus ständig wechselnden Richtungen. Da machen die 5-Lira-Regenschirme ganz schnell schlapp. So viel Schirme wie in Istanbul habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gekauft und verschlissen. Und wer die Straßen- und Gehwegverhältnisse hier kennt, weiß, dass Fußwege dann mehr einem Slalomlauf um Pfützen, Sturzbäche, Regenlöcher und schirmtragende Türken gleichen. Und, bei dem ganzen Hindernislauf übersieht man schnell mal eine lose Gehwegplatte. Watsch, und schon hat man die „Schlammsoße“ auf der Hose. Grrr, das Böse lauert immer und überall. Temperatur: 10 °C. Also, liebe Deutsche, genießt das Wetter. Wenn das hier so weiter geht, ziehe ich meine Aufenthaltsverlängerung zurück. 😉 Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Sommer noch mal zurückkehrt. Er muss.

Wie schon angekündigt, hatte ich vor 1,5 Wochen drei Freunde aus Deutschland zu Besuch. Wir hatten viel Spaß beim Erkunden der Stadt und natürlich beim Wichtigsten, dem „eigentlichen“ Anlass des Besuches. Die Nächte gingen immer so gegen 3 in der Frühe zu Ende, nachdem wir bei reichlich kubanischem Landwein ordentlich Doppelkopf gespielt haben. Als die drei am vergangenen Sonntag Vormittag Richtung Flughafen abgedampft sind, musste ich mich erst einmal für ein paar Stunden schlafen legen. Öff. Dafür sind meine Vorräte an deutschen Köstlichkeiten (Wurst, Rum, Schokolade, …) wieder ordentlich aufgefüllt. Danke, danke.

In der Schule hat sich wieder die einheimische Normalität eingestellt. Die Schüler und die Schule haben eben so ihre Eigenheiten, wie ich schon berichtet habe. Interessant war am vergangenen Montag der Besuch zweier Referendare aus Deutschland. Die waren jedenfalls total fasziniert von den mathematischen und fremdsprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler. Wenn man so etwas hört, sieht man doch auch einfacher über manche disziplintechnische Unzulänglichkeiten der türkischen Teenager hinweg. Nebenbei: Ich hatte doch von den Malerarbeiten im Informatikraum des obersten Stockwerkes („Tropfsteinhöhle“) und den Kollateralschäden erzählt. Die Schäden sind beseitigt, aber die Malerarbeiten waren, wie befürchtet, umsonst. Das Dach ist nach wie vor undicht, wie der jetzige Regen beweist. Natürlich haben wir das Problem mit den schon bekannten Mitteln gelöst. Ich habe übergroße Wassereimer angefordert, bekommen und korrekt positioniert. Wo ist das Problem? Was nun noch nervt ist: Tropf, tropf … Halt stopp, Lappen in die Eimer – warum bin ich nicht gleich drauf gekommen? 😉

Letzten Sonntag so gegen 21:00 Uhr türkischer Zeit wurde ich übrigens daran erinnert, dass das Leben in Istanbul eben doch nicht so ungefährlich ist – ein Tanz auf dünnem Eis sozusagen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich Zeuge eines Erdbebens. Gott sei Dank dauerte das Beben nur wenige Sekunden und war relativ schwach (4,4 auf der Richterskala), aber ich habe doch schon ein wenig Angst gehabt. Danach habe ich jedenfalls sofort die Verhaltensmaßregeln für den Erdbebenfall des Auswärtigen Amtes studiert und festgestellt, dass ich nicht so gut vorbereitet bin. Da muss ich unbedingt was tun. Hoffentlich werden meine Vorkehrungen niemals den Ernstfall erleben. Puh.

So, nun liegt ein besucherfreies Wochenende vor mir. Termine habe ich keine, außer mit meinem Schreibtisch. Ich muss dann doch ein bisschen mehr tun, denn an zwei nächsten Wochenenden habe ich wieder Deutsche im „Hotel Meyer“. Ich freue mich schon darauf. Es ist nämlich immer wieder schön, wenn einem durch die staunenden Gäste gesagt oder gezeigt wird, wo man hier eigentlich lebt. Naja, gerade jetzt ist es nicht wirklich schön, bei dem Sauwetter. Grrr, in Deutschland scheint die Sonne – neidisch. Aber es sei Euch gegönnt, denn schließlich ist es eine Ausnahmeerscheinung. 😉

Passt auf, dass Ihr keinen Sonnenbrand bekommt. Euer Frank

29. Oktober 2010 (Verschnaufen am Republikgeburtstag)

Sorry, dass ich meinen 14-Tage-Rhythmus beim Schreiben eines neuen Berichts nicht eingehalten habe. Ich hatte einfach keine Zeit. Aber heute, Freitag der 29. Oktober ist schulfrei. Vielen Dank an Mustafa Kemal Atatürk und die Gründung der türkischen Republik vor 87 Jahren. Dieses längere Wochenende brauche ich wirklich mal zur Entspannung und vor allem zum Aufräumen meines Schreibtisches, auf dem sich Sachen wie wild stapeln.

Warum? Wie schon im letzten Bericht erwähnt hatte ich vom 15. bis zum 25. Oktober wieder lieben Besuch aus Deutschland. Zunächst ein befreundetes Ehepaar mit Tochter und mit einer zeitlichen Überschneidung von zwei Tagen kam dann mein Sohn mit seiner Freundin. Zwischenzeitlich lagen also morgens, wenn ich zur Schule musste, überall schlafende Menschenkinder herum. 😉 Und natürlich war es wunderschön, Freunde und die Familie zu Besuch zu haben. Es ist genauso gekommen, wie ich vermutet habe. Alle sind mit großen, staunenden Augen durch „meine“ Stadt gelaufen. Und Franki war schon ein ziemlich stolzer „Fremdenführer“. Angenehmer Nebeneffekt der Besuche war außerdem, dass ich zwei neue Sachen erlebt und gesehen habe. Zunächst einmal war ich am Sonntag vor zwei Wochen mit meinem Besuch in einem der berühmtesten Hamams Istanbuls, dem Cemberlitas-Hamam. Wir hatten das Paket mit Waschung genommen. Dabei wird man nebenbei so richtig durchgeknetet. Aaaa, das war teilweise sogar ziemlich schmerzhaft, aber trotzdem sehr schön. Danach war ich richtig schlapp, wie nach einem Saunabesuch. Ich glaube aber, dass ich nicht zum letzten Mal ein Hamam besucht habe. Gerade jetzt bei dem zunehmend schlechteren Wetter. Und zweitens war ich am vergangenen Sonnabend mit meinem Sohn und seiner Freundin in Rumeli Hisari. Das ist eine vom Eroberer Istanbuls errichtete Burg auf europäischer Seite des Bosporus, mit der er das damalige Konstantinopel von Warenlieferungen aus nördlicher Richtung abschneiden wollte. Die Burg ist vollständig erhalten und bietet traumhafte Blicke auf die Stadt. Ich weiß also schon, was ich den nächsten Besuchern unbedingt zeigen will und muss. Schier unglaublich fand mein Besuch auch die Menschenmassen in den Klubs, Kneipen … auf der Istiklal-Cadessi und ihren Nebenstraßen in den Nächten am Wochenende. Das muss man unbedingt erlebt habe, sonst glaubt man das nicht. Nun ist der Besuch wieder nach Deutschland zurück gekehrt und ich bin wieder alleine. Aber, keine Angst, zum Trübsal blasen gibt es keine Zeit und auch sonst keinen Grund. In gut zwei Wochen ist hier das religiöse Fest Kurban-Bayram. Da kann ich am Montag nach Deutschland fliegen und muss erst am Sonntag zurück. Juhu.

Ach so, Schule gab es ja auch noch zwischendurch. Ehrlich, vor zwei Jahren wäre Besuch und Schule gleichzeitig unmöglich gewesen. Jetzt bin ich mathematisch schlauer und konnte schneller, effektiver und gelassener den Unterricht vorbereiten und durchführen. Anstrengend ist die Arbeit mit oder ohne Besuch trotzdem noch, aber die Verzweiflungsattacken sind so ziemlich Geschichte. Da blieb in der vergangenen Woche sogar Zeit für zwei abendliche Empfänge. Am Dienstag waren die deutschen Lehrer der Stadt ins deutsche Generalkonsulat eingeladen – es gab Reden, klassische Musik, Häppchen und Sektchen und interessante Gespräche im feierlichen Ambiente. Und vorgestern Abend hatte die Stiftung des Istanbul Lisesi zu einem Empfang aus Anlass des türkischen Republikgeburtstag eingeladen. Es gab … (siehe oben ;-)). Gestern ist nun in der Schule das eingetreten, was wir schon aus den Erfahrungen der Vorjahre erwartet und befürchtet haben. Toleriert von der türkischen Schulleitung haben viele Schüler das lange Wochenende um einen Tag verlängert. Außerdem gab es in der Unterrichtszeit eine Festveranstaltung für die Schüler. Statt 6 hatte ich nur zwei „Stunden“ Unterricht in einer Klasse mit einem Schüler. Wirklich. Wir Lehrer haben uns also eher gegenseitig beaufsichtigt. Nebenbei: Das Gleiche ist auch für den Montag vor dem Kurban-Bayram zu erwarten. Aber, wir müssen da sein. Kein Kommentar. Im Informatikraum im oberen Stock hat sich das eindringende Regenwasser neue Wege gesucht. Es tropft jetzt auch auf die Computer. Die im Sommer frisch gestrichenen Wände (siehe Berichte vom September) sind jedenfalls wieder wunderschön „marmoriert“. Ebenfalls kein Kommentar.

Heute Abend wird es auf dem Bosporus das obligatorische und gigantische Feuerwerk zum Republikgeburtstag geben. Dazu hat uns ein Kollege mit der geeigneten Terrasse zu sich eingeladen. Das werde ich mir nicht entgehen lassen. Ich hoffe nur, dass sich das seit zwei Tagen unglaublich schlechte Wetter (Temperatursturz auf 10 °C; Regen; Sturm) noch etwas bessert. Es sieht jedenfalls so aus.

Okay, soweit für heute. In der Galerie gibt es neue Bilder rund um meine Besucher und den Republikgeburtstag zu sehen. Schaut mal rein.

Bleibt gesund und neugierig. Euer Frank