18. September 2009 (Verdrängung)

Das Wichtigste gleich ganz am Anfang: Ich lebe noch. Die Überschwemmungen der letzten Woche in Istanbul habe ich schadlos überstanden. Logisch, denn sonst könnte ich diese Zeilen ja gar nicht schreiben. Überrascht wurde ich aber von den vielen Nachfragen aus Deutschland nach meiner Situation. Vielen Dank für diese Anteilnahme und Besorgnis. Das hat mich echt gerührt. Von den Überschwemmungen selbst habe ich außer durch die Medien nichts bemerkt. Zwar bin ich in der betreffenden Nacht einmal vom Lärm des Regens aufgewacht, die Auswirkungen waren hier jedoch kaum spürbar. Erst als ich am nächsten Tag nach Europa zur Schule fuhr habe ich auf den Fernsehern der Fähre die dramatischen Bilder gesehen. Aber, Istanbul ist so riesig, dass die in den Medien dramatisierten Ereignisse („Istanbul geht unter“) hier eher nur ein lokales Phänomen waren. Und so konnte ich auch ohne Probleme am selben Tag zum Flughafen fahren, um meine Eltern, meine Tante und meinen Onkel abzuholen. Ich wollte den älteren Herrschaften gerne mal meine neue, temporäre Wahlheimat vorstellen und: Ich glaube, dass es Ihnen sehr gefallen hat. Natürlich war die Woche ihres Besuchs ziemlich anstrengend, aber es hat mir auch großen Spaß gemacht, ihnen Istanbul zu zeigen. Die Tage begannen auf Grund des veränderten Schlafverhaltens meiner Besucher (;-)) immer ziemlich früh – so bis 06:45 Uhr durfte ich schlafen und gegen 07:15 Uhr begann das Frühstück auf dem Balkon mit gleichzeitigem Schiffe zählen. Und dann wurde bis in den späten Nachmittag ein strammes Besichtigungsprogramm durchgezogen. Teilweise waren dabei meine Gäste alleine unterwegs (Prinzeninseln; Bosporustour), weil ich in die Schule musste, teilweise war ich selber der guide. Und abends wurde dann noch Karten gespielt. Klar, dass schließlich alle ziemlich müde ins Bett fielen um morgens freiwillig oder eher unwillig früh aufzustehen. Aber so ist es eben, wenn man Besuch hat. Nun habe ich ca. 2 Wochen Zeit, dann fallen Freunde und meine Doppelkopfrunde über mich herein.

Tja, und was macht die Schule? Unterricht gibt es erst ab dem 24. September, aber natürlich gibt es im Vorfeld einiges zu besprechen und zu organisieren. Diese Absprachen können aber hier auch schnell wieder Makulatur sein. So war unser Unterrichtseinsatz und der daraus resultierende Stundenplan eigentlich klar, aber dies zählt seit gestern nicht mehr. Das türkische Bildungsministerium hat nämlich pünktlich zum Schuljahresbeginn die Stundenverteilung geändert – sehr clever. Da ich aber ja nun schon ein Jahr Erfahrungen mit den hiesigen Gegebenheiten habe, rege ich mich nicht mehr auf, Hat sowieso keinen Zweck. Sicher ist auf jeden Fall, dass ich nun der alleinige Verantwortliche für die Computer in den Informatikräumen und im Lehrerzimmer verantwortlich bin. Also habe ich mich intensiv diesem Problem gewidmet und schon ordentlich dazu gelernt und geflucht. Wie heißt es immer so schön: Eigentlich müsste alles funktionieren, tut es aber eben doch nicht immer. Na gut, ein paar Tage habe ich ja noch. Dabei lässt sich auch so schön das Hauptproblem verdrängen: Mathematik Klasse 12. Ja, auch in diesem Jahr werde ich wieder heftigst über mathematischen Problemen brüten müssen. Davor graut mir jetzt schon. Aber: Ich habe das letzte Jahr überstanden, also bin ich vorsichtig zuversichtlich für das kommende. Was bleibt mir auch anderes übrig.

Zum Abschluss für heute noch eine kleine „sehr nette“ Geschichte. Auf dem Weg von der Schule habe ich noch in einem kleinen Klamottenladen ein bisschen gestöbert und eine Hose anprobieren wollen. Als ich dazu die einzige Umkleidekabine betreten habe, dachte ich im ersten Moment, dass ich an Halluzinationen leide. Lag doch da in voller Pracht eine echte Pistole herum (siehe auch Bildergalerie). Die hätte ich mir in aller Ruhe einstecken können. Der Besitzer der Waffe war ein Polizist, der schon vor mir in der Umkleide war und sich nun in aller Ruhe bei abgelegter Pistole nach weiteren Kleidungsstücken umsah. Unglaublich.

Also, schaut auch mal wieder In der Galerie vorbei – es gibt ein paar neue Bilder. Ich werde mich nun wieder der Mathematik nähern, … wenn es nicht noch ein paar wichtige Ersatzhandlungen gibt.

Euer Frank

7. September 2009 (ikinci yil bas(u)liyor – das zweite Jahr beginnt)

Hallo, ich weiss, dass einige von Euch vielleicht schon ein bisschen auf weitere Stories gewartet haben. Das Warten hat nun ein Ende, auch wenn dieser Bericht lediglich ein kleiner Vorgeschmack ist.

Seit gestern bin ich nun wieder in der riesigen, lauten, warmen, quirligen, aufregenden … Stadt am Bosporus. Die letzten Wochen in Deutschland waren einfach traumhaft und sind leider wie im Flug vergangen. Frankreich, Segeln auf der Ostsee, Thüringen, Freunde treffen, am Häuschen werkeln und vor allem zusammen mit der Familie sein. Was will man mehr?

Natürlich ist mir der Abschied aus Deutschland sehr schwer gefallen, aber im letzten Jahr war es viel, viel schlimmer. Seinerzeit war ich völlig ahnungslos und hatte außer den Koffern nichts. Jetzt sieht die Sache doch wesentlich entspannter aus. Ich bin gestern dank nun vorhandener Ortskenntnisse relativ entspannt in „meiner“ doch ganz annehmbaren, frisch geputzten Wohnung angekommen und war auch von den hier herrschenden Gegebenheiten bezüglich Lärm, Hektik … nicht mehr wirklich überrascht. Alles ganz easy eben. Heute war ich dann gleich mal in der Schule und habe mich in aller Ruhe „meinen“ Computern gewidmet. Gut, dass ich am Ende des letzten Schuljahres ziemlich fleißig war. So bin ich guter Dinge, dass zum Schuljahresbeginn (24. September) alle PC-Arbeitsplätze funktionieren. Nun werdet Ihr vielleicht fragen, was ich jetzt schon hier mache, wenn die Schule erst so spät beginnt. Natürlich gibt es einiges vorzubereiten und in Konferenzen abzusprechen. Und: Übermorgen bekomme ich für eine Woche Besuch aus Wismar. Meine Eltern, sowie eine Tante und ein Onkel wollen sich Istanbul mal anschauen. Das ist sozusagen der absolute Seniorenalarm. Ich freue mich aber sehr, den Vieren meine zeitweilige zweite Heimat zu zeigen. Sie werden sicher sehr dankbare Gäste sein und hoffentlich beeindruckt und begeistert wieder in den kühlen Norden fliegen. Nach diesem Besuch wird es dann wieder ernst, vor allem in Bezug auf die holde Mathematik. Aber, ich werde es schon packen.

Okay, soweit zunächst einmal. Bleibt schön neugierig.

Euer Frank